Mehrheit der Gesundheitsfachkräfte hält nationale Ernährungsrichtlinien für unzureichend

Eine Studie mit 118 Experten auf sechs Kontinenten zeigt: Hülsenfrüchte fehlen, Fleisch und Milch sind überrepräsentiert

09.09.2026
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Symbolbild

Auf allen Kontinenten stoßen Fachkräfte bei der Umsetzung nationaler Ernährungsrichtlinien auf ähnliche Hürden, so das Ergebnis einer neuen Studie der Universität Göttingen, der Hochschule Fulda und der Ernährungsorganisation ProVeg in der Peer-Review-Fachzeitschrift Current Developments in Nutrition .1 Das Autorenteam unter der Leitung von Anna-Lena Klapp hat neben 20 qualitativen Interviews auf sechs Kontinenten eine weltweite quantitative Befragung unter 118 Experten durchgeführt. Deren gemeinsamer Tenor: Nationale Ernährungsempfehlungen hinken dem wissenschaftlichen Stand hinterher, überbetonen Fleisch und Milch und vernachlässigen gesunde, pflanzliche Alternativen.

Ernährungsrichtlinien wie die der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) sprechen der Öffentlichkeit Empfehlungen aus und untermauern die nationale Politik in den Bereichen Ernährung, Gesundheit und Bildung. Laut der Welternährungsorganisation (FAO) haben mehr als 100 Länder weltweit nationale Leitfäden erlassen, die rund 90 Prozent der Weltbevölkerung abdecken.2 Gesundheits- und Ernährungsfachkräfte übertragen die Richtlinien in den Alltag der Menschen: Diätassistenten, Ernährungswissenschaftler und Ärzte übersetzen sie für ihre Patienten in konkrete Handlungsempfehlungen. Entsprechend äußerten die befragten Fachkräfte klare Erwartungen.

Am Bedarf vorbei?

Mehr als jede zweite Gesundheitsfachkraft weltweit (57,6 Prozent) bewertet ihre nationalen Richtlinien als nur mäßig oder wenig hilfreich, um eine gesunde und nachhaltige Lebensmittelauswahl zu fördern. Experten aus Ländern mit hohem Einkommen wie Deutschland äußern sich besonders kritisch.

Vor allem Hülsenfrüchte (62,7 Prozent), aber auch pflanzliche Milchalternativen (47,5 Prozent) und Nüsse und Saaten (42,4 Prozent) kommen den Befragten in den offiziellen Empfehlungen zu kurz. Klassische Milchprodukte (65,3 Prozent) und Fleisch (60,2 Prozent) halten die meisten Gesundheitsfachkräfte dagegen für überrepräsentiert. Mehr als vier von fünf Fachkräften befürworten die Aufnahme von pflanzlichen Alternativen zu Fleisch, Milch und Milchprodukten, kombiniert mit Hinweisen für eine gesunde Produktauswahl, wie der Empfehlung eines geringen Salz- und Zuckergehalts.3 4 5

Zwischen nationalen Ernährungsrichtlinien und der Ernährung der Bevölkerung klafft in den meisten Ländern weltweit eine deutliche Lücke. Weit verbreitet sind ein zu hoher Fleisch- und ein zu geringer Gemüseverzehr. In Deutschland liegt der durchschnittliche Fleischkonsum pro Kopf bei 54,9 Kilogramm pro Jahr.6 Die DGE empfiehlt weniger als ein Drittel dieser Menge.7

Das Beratungsdilemma in der Praxis

Die Kritik der Befragten reicht noch weiter: Im Interview berichteten beteiligte Ärzte durchweg von fehlender Ernährungsbildung während des Studiums. Ein Arzt aus Deutschland brachte das Defizit auf den Punkt: „Wir haben kein explizites Fach Ernährung im Medizinstudium. [I]ch kann mich daran erinnern, dass man vielleicht mal das Wort DGE gehört hat, aber ich kann mich nicht erinnern, substanziell Wissen über gesunde Ernährung erlangt zu haben.“ Und doch sind Ärzte bei Ernährungsfragen für viele Menschen die erste Ansprechperson.

Für die Beratungspraxis wünschen sich die Fachkräfte außerdem eine engere Verzahnung von Gesundheits- und Ernährungsinstitutionen. „Ich sehe die Deutsche Gesellschaft für Ernährung überhaupt nicht als Stakeholder in der Medizin an, und das wäre wichtig“ , merkt ein Arzt aus Deutschland an. „Wir haben einen Fachverband für gesunde Ernährung, dessen Flyer sollten auf der Krankenhausstation liegen, genauso wie die Flyer von der Bahn [...]. Warum liegen da keine Flyer der DGE? Da kann ich mir ein bisschen mehr proaktive Zusammenarbeit vorstellen.“

Systemgestaltung statt Eigenverantwortung

Die Fachwelt sieht die Verantwortung für das tägliche Essverhalten dabei nicht beim Einzelnen allein, sondern nimmt Politik und Alltagsbedingungen in die Pflicht. Fast zwei von drei Befragten (65,3 Prozent) fordern Preissenkungen für gesunde und nachhaltige Lebensmittel, etwa durch Steuererleichterungen oder Subventionen. Ernährungsrichtlinien sollten überdies Angaben zu gesunder und nachhaltiger Ernährung für den schmalen Geldbeutel enthalten, erklärten 47,5 Prozent.

„Es gibt sehr viele Maßnahmen, die sich Menschen in Umfragen wünschen: gesunde Gemeinschaftsverpflegung, Regulierungen oder Veränderungen von Steuern und insgesamt gesündere Ernährungsumgebungen“ , betonte ein deutscher Mediziner im Interview. „Politik hört immer auf Umfragen [...] außer im Ernährungsbereich.“ Trotzdem spürt der Arzt Dynamik: „Ich habe das Gefühl, dass da gerade sehr viel Momentum drin ist.“

Ein gesundes Schulessen nach Richtlinien-Standards gilt in Fachkreisen als ein Schlüsselhebel. In fünf deutschen Bundesländern – Berlin, Bremen, Hamburg, Saarland und Thüringen – ist die Einhaltung der DGE-Richtlinien für die Schulverpflegung verbindlich geregelt. Gut zwei Fünftel der befragten Fachkräfte (42,4 Prozent) fordern verpflichtende nationale Ernährungsstandards in öffentlichen Kantinen: in Schulen, Kitas und Krankenhäusern.

Transparente Richtlinien-Entwicklung

Eine Vorgängerstudie unter der Leitung von Anna-Lena Klapp hatte 2022 festgestellt, dass nationale Richtlinien in Ländern, in denen Fleischproduktion einen großen Teil des Bruttoinlandsprodukts ausmacht, seltener pflanzliche Optionen enthalten. Auch 83 Prozent der befragten Fachkräfte sehen den Einfluss der Industrie als Barriere für die Umsetzung gesunder Richtlinien. 99,1 Prozent von ihnen fordern eine absolut transparente Entwicklung. Dass die DGE Experten an der jüngsten Überarbeitung ihrer Empfehlungen im Rahmen eines offenen Konsultationsprozesses beteiligt hat, bewertete ein deutscher Mediziner positiv. Zugleich betonte er, dass ein transparenter Prozess „frei von ökonomischen und politischen Interessen“ sein müsse.

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