Esst weniger Fleisch! Otto-Gourmet-Gründer für regenerative Landwirtschaft
Warum Tierwohl und CO₂-Abdruck nicht weit genug gedacht sind
„Wir müssen die Menge an Fleisch, die wir essen, drastisch reduzieren“, sagt Otto-Gourmet-Gründer Stephan Otto. Moment – einer der führenden Fleischhändler des Landes plädiert für weniger seines eigenen Produkts? Ja! Und dabei geht es dem Unternehmer ausdrücklich nicht nur um ein Minus an Billigware aus Massentierhaltung. „Wollen wir Fleisch essen, das uns nicht nur schmeckt und nährt, sondern das fair gegenüber Mensch und Tier und in Einklang mit der Natur produziert wurde, müssen wir das ganze Konzept Landwirtschaft neu denken.“ Warum das erst einmal Verzicht bedeutet und welche Erfolgsmodelle Anlass zur Hoffnung geben, erklärt Stephan Otto im Interview.
Was genau meinen Sie, wenn Sie von „neu gedachter Landwirtschaft“ sprechen?
Stephan Otto: Jede Produktion von Lebensmitteln wirkt sich auf unseren Planeten aus, da Energie und Ressourcen benötigt werden. Dabei dürfen wir nicht nur auf das Klima schauen, sondern müssen auch Komponenten wie Wasser, Boden und die Verwertung von Rohstoffen in Kreislaufwirtschaften mit einbeziehen. Genau hier kommt die regenerative Landwirtschaft ins Spiel, die über den gängigen Begriff von „Nachhaltigkeit“ weit hinaus geht. Sie stellt natürliche Kreisläufe wieder her und verbessert so Böden, Klima und Artenvielfalt.
Was heißt das ganz konkret?
Sehr kurz gefasst bedeutet das, dass zum Beispiel Tiere, anstatt in industrieller Mast mit hohem CO₂-Ausstoß zu stehen, in Weidesystemen regelmäßig auf neue Flächen ziehen. Das hat neben dem offensichtlichen Faktor Tierwohl verschiedene weitere Vorteile. Ein Pionier auf diesem Gebiet ist Allan Savory. Der Wissenschaftler aus Simbabwe hat gezeigt, dass eine rotierende Beweidung sogar schon stark degradierte Böden wiederbeleben kann.
Wie funktioniert das?
Durch die Bewegung großer Herden über wechselnde Flächen werden Pflanzen regelmäßig, aber nicht zerstörerisch abgeweidet. Die Ausscheidungen der Tiere und das Aufbrechen des Bodens durch Hufe fördern die Wasserspeicherung, erhöhen die Bodenfruchtbarkeit und regen das Wachstum von tiefwurzelnden Gräsern an. Die wiederum binden zwischen sechs und neun Tonnen CO₂ pro Hektar im Boden.
Aktuell sind etwa 40 Prozent der Erdoberfläche von Verwüstung – hier im Sinne der Wüstenbildung – oder Versandung bedroht. Dass man diese Entwicklung durch die Form der Bewirtschaftung umkehren kann, ist eine großartige Nachricht im Kampf gegen die Klimakrise. Studien zeigen: Fleisch aus dieser Art der Haltung kann sogar eine negative CO₂-Bilanz haben und sich somit positiv auf das Klima auswirken.
Importiertes Fleisch ist also nicht grundsätzlich böse?
Viele Menschen denken, der Transport ist der CO₂-Treiber, dabei wirken sich Haltung und Ernährung viel stärker auf den „Fußabdruck“ eines Tieres aus. Ein Rind aus den USA oder Kanada hat aufgrund quasi nicht vorhandener Stallhaltung und der Graslandschaften vor der Tür zum Beispiel einen durchschnittlichen Output von 12 bis 13 CO₂-Äquivalenten pro Kilogramm Schlachtgewicht. In Deutschland sind es 23 und in Spanien sogar 35. Der Transport ist nur für einen Bruchteil verantwortlich, durchschnittlich 0,2 CO₂-Äquivalente pro Kilogramm Schlachtgewicht.
Gibt es Beispiele, wo regenerative Landwirtschaft erfolgreich umgesetzt wird?
Ja, zum Beispiel auf der White Oak Pastures Farm im US-Bundesstaat Georgia. Dort hat die Umstellung auf regenerative Beweidung die Treibhausgasbilanz der Rinderhaltung nicht nur verbessert, sondern ins Negative gedreht – jedes Kilogramm Rindfleisch entzieht der Atmosphäre netto CO₂. Auch die Tierärztin Dr. Viviane Theby beobachtet auf ihrem Hof in der Eifel bessere Bodenqualität, gesündere Tiere und weniger Abhängigkeit von Futtermittelzukauf, seit sie die Art der Bewirtschaftung umgestellt hat.
Sie haben das Tierwohl angesprochen. Was genau bedeutet dieser Begriff für Sie?
Ich könnte stundenlang zu dem Thema erzählen (lacht). Aber ganz kurz gesagt bedeutet Tierwohl für uns bei Otto Gourmet: Die Tiere haben die Möglichkeit, ihren natürlichen Instinkten wie Wühlen, Suhlen und Picken nachzugehen, in einer Umgebung, die ihrem natürlichen Lebensraum am nächsten kommt. Ganz wichtig sind ausreichend Platz zum Bewegen und Ausruhen, Tageslicht sowie Beschäftigungsmöglichkeiten, und Weidetiere wie Rind und Schaf sollen den überwiegenden Teil ihres Lebens auf Weiden verbringen.
Welche Vorteile bringt die regenerative Landwirtschaft?
Eine regenerative Landwirtschaft mit Tieren kann wesentlich dazu beitragen, dass unser Planet erhalten bleibt. Das umfasst die klimatischen Lebensbedingungen, gesunde Böden und Biodiversität, die unserer Ernährung und unserem Wohlbefinden dienen.
Welche Hürden sehen Sie auf dem Weg dorthin?
Der Platz ist ganz klar ein limitierender Faktor, schließlich hat nicht jeder landwirtschaftliche Betrieb die Möglichkeit, seine Tiere ständig über verschiedene Weiden ziehen zu lassen. Und genau hier setzt meine These an, dass wir unseren Fleischkonsum erst einmal reduzieren müssen, um wieder auf einen gesunden Weg zu kommen.
Wie genau meinen Sie das?
Kurzfristig schafft die Umstellung auf ökologische beziehungsweise regenerative Landwirtschaft eine deutlich geringere Produktivität und damit ein verringertes Angebot. Eine gewisse Form des Maß-Haltens wird sich also nicht umgehen lassen. Um eine Vorstellung von „geringerem Angebot“ zu bekommen: Für die Jahre 2011 bis 2021 lag der Ertrag je Hektar für ökologischen Weizen im Gegensatz zu konventionellem Weizen bei unter 50 Prozent.
Wieso sollten wir also nicht gänzlich auf Fleisch verzichten?
Gewisse Nährstoffe wie Eisen, Zink, Selen, B-Vitamine und essentielle Aminosäuren, die der menschliche Körper nicht selbst herstellen kann, kommen nur in tierischen Produkten wie Fleisch, Milch oder Eiern vor. Natürlich kann man supplementieren, prinzipiell ist jedoch das Aminosäuremuster tierischer Proteine dem Bedarfsmuster des Menschen ähnlicher. Die Tiere „recyclen“ also quasi für den Menschen nicht verwertbares Futter und machen uns dieses Nährstoffangebot zugänglich.
Abgesehen von der Tatsache, dass sich ohne wirtschaftliche Nutztiere die Weltbevölkerung nicht ernähren lässt, brauchen wir sie auch zur Erhaltung der Böden. Ohne grasende Viehherden versanden die Prärien und können kein CO₂ mehr binden, was katastrophal für unsere Ökosysteme wäre.
Welchen Beitrag leisten Sie persönlich bei Otto Gourmet?
Wir schauen uns die Züchter und Produzenten, mit denen wir zusammenarbeiten, ganz genau an, und entscheiden sorgfältig, wessen Philosophie und Ausrichtung wirklich zu uns passt. Uns ist wichtig, dass die Tiere ideale natürliche Bedingungen vorfinden, reichlich Auslauf haben und, wenn möglich, ganzjährig auf der Weide stehen. Das Futter soll perfekt auf ihre Bedürfnisse abgestimmt sein und auf jegliche Gabe von Wachstumshormonen oder vorbeugender Antibiotika wird konsequent verzichtet.
Geht es an die Verarbeitung, legen wir großen Wert auf kurze Transportwege und eine stressfreie, fachgerechte Schlachtung. Auch das optimale Schlachtalter spielt eine wichtige Rolle, denn nur ein langsam auf- und gänzlich ausgewachsenes Tier bildet die richtige Marmorierung und ein ausgewogenes Aroma aus. All unsere Produkte sind zu 100 Prozent rückverfolgbar, was unseren Kunden maximale Sicherheit hinsichtlich Herkunft, Haltung und Verarbeitung gibt.
Dan Morgan von der Morgen Ranch im US-Bundesstaat Nebraska ist unser Partner der ersten Stunde, und er bringt es gut auf den Punkt: „Die entscheidende Fähigkeit eines guten Züchters ist es, mit seiner Umwelt zu arbeiten und nicht gegen sie. Schließlich überlassen wir unsere Umwelt weiteren Generationen.“
Ein Schlusswort?
Regenerative Landwirtschaft zeigt, dass die Fleischproduktion Klima- und Umweltprobleme nicht zwangsläufig verschärft. Im Gegenteil – wenn Tiere im Einklang mit natürlichen Kreisläufen gehalten werden, können sie zur Lösung beitragen.