»Auf Messers Schneide«: Neue Studie zeigt Risiken der Lebensmittelindustrie bis 2040

Klimawandel, Cyberangriffe und Lieferkettenstörungen wirken zunehmend gleichzeitig und verstärken sich gegenseitig

25.06.2026
KI-generiertes Bild

Symbolbild

Unternehmen aus der Lebensmittel-Branche sehen sich immer öfter mit Risiken wie geopolitischen Verwerfungen, Klimawandel, Cyberangriffen, fragilen Lieferketten, neuen Technologien oder wachsenden Regulierungsanforderungen konfrontiert, zunehmend auch gleichzeitig. In diesem Kontext hat eine neue Studie des Fraunhofer ISI im Auftrag der Funk Stiftung analysiert, welche Risiken die Lebensmittelindustrie bis 2040 besonders prägen könnten – und welche Handlungsstrategien sich für Unternehmen, Versicherer und weitere Akteure daraus ableiten lassen. Die Studie wird beim Food Future Forum in Bielefeld offiziell vorgestellt.

Die Lebensmittelindustrie ist eine systemrelevante Branche – zugleich hat sich ihre Verwundbarkeit in den vergangenen Jahren deutlich gezeigt. Unterbrochene Lieferketten, extreme Wetterereignisse, steigende Energiepreise oder Cyberangriffe auf vernetzte Produktionsanlagen wirken zunehmend gleichzeitig und verstärken sich gegenseitig. Diese Gleichzeitigkeit unterscheidet die aktuelle Risikolage grundlegend von früheren Jahrzehnten.

Die Studie »Auf Messers Schneide – Risiken der Lebensmittelindustrie: Trends, Szenarien, Handlungsstrategien« basiert auf einem mehrstufigen, partizipativen Foresight-Prozess. Dafür wurden mehr als 3.000 wissenschaftliche Publikationen ausgewertet, 41 zentrale Trends identifiziert und 183 Einzelrisiken zu 19 Risikoclustern gebündelt. Ergänzend entwickelte das Forschungsteam des Fraunhofer ISI vier Zukunftsszenarien bis 2040, um die Dynamik und Wechselwirkungen von Risiken systematisch zu analysieren.

Risiken nehmen zu – und greifen ineinander Ein zentrales Ergebnis: Nahezu alle untersuchten Risiken weisen steigende Trends auf. Noch wichtiger ist jedoch ihre wachsende Verflechtung. Risiken, die früher getrennt betrachtet wurden, wirken heute gleichzeitig über mehrere Bereiche hinweg.

So kann ein Cyberangriff nicht nur Produktionsprozesse stören, sondern zugleich Produktsicherheit und Reputation gefährden. Geopolitische Spannungen beeinflussen Lieferketten, regulatorische Anforderungen und Marktbedingungen gleichzeitig. Und Klimarisiken wirken sich parallel auf Rohstoffverfügbarkeit, Energiepreise und Infrastruktur aus.

»Die Studie zeigt, dass klassisches Risikomanagement ohne bereichsübergreifende Perspektive an Grenzen stößt«, erklärt Dr. Ariane Voglhuber-Slavinsky vom Fraunhofer ISI. »Unternehmen müssen ihre Wertschöpfung als vernetztes System verstehen, um Kettenreaktionen frühzeitig erkennen und begrenzen zu können.«

Sechs zentrale Risikofelder im Fokus Vertiefend analysiert die Studie sechs prioritäre Risikocluster mit besonderem Handlungsbedarf: Klimawandel und Ressourcenrisiken, Produktsicherheits- und Inhaltsstoffrisiken, Reputationsrisiken durch öffentliche Kommunikation, Cyber- und IT-Risiken, Regulierungsanforderungen sowie Störungen in Beschaffung und Logistik.

Für diese Bereiche zeigt die Studie konkrete Handlungsoptionen auf. Besonders wirksam sind Maßnahmen, die im direkten Einflussbereich der Unternehmen liegen – etwa eine lückenlose Rückverfolgbarkeit entlang der Lieferkette, automatisierte Qualitätssicherung, robuste IT-Sicherheitsstrukturen, diversifizierte Beschaffung sowie ein systematisches Monitoring von Regulierung und öffentlicher Wahrnehmung.

Handlungsempfehlungen und Grenzen des Risikotransfers Auf dieser Grundlage formuliert die Studie acht übergreifende Empfehlungen – darunter die Etablierung eines integrierten Risikomanagements, resilientere Lieferketten durch Diversifikation und Technologie, die stärkere Verknüpfung von Cyber- und Produktsicherheit sowie ein strategischer Umgang mit regulatorischen und klimabezogenen Risiken.

Gleichzeitig zeigt sich, dass klassische Instrumente des Risikotransfers an Grenzen stoßen: Für neuartige Risiken wie Reputationsschäden durch soziale Medien oder geopolitische Unsicherheiten existieren bislang oft keine tragfähigen Versicherungsmodelle.

»Vorausschauendes Risikomanagement ist kein bürokratischer Selbstzweck, sondern ein echter Wettbewerbsvorteil«, resümiert Voglhuber-Slavinsky. »Die wirksamste Antwort auf eine zunehmend verflochtene Risikolandschaft liegt in einem kontinuierlichen Dialog zwischen Unternehmen, Versicherern und weiteren Akteuren in der Lieferkette.«




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