Europas Ernährungssysteme sind festgefahren, doch Forscher haben möglicherweise die Schlüssel gefunden

Fünf Grundsätze, um Europa voranzubringen

05.06.2026
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Symbolisches Bild

Die europäische Agrar- und Ernährungswirtschaft steht unter starkem Druck. Der Klimawandel verursacht Dürren und Überschwemmungen, und die Landwirtschaft setzt Natur, Klima und Umwelt unter Druck. Ernährungsbedingte Zivilisationskrankheiten belasten die Gesundheitssysteme zunehmend. Gleichzeitig wird von der Landwirtschaft erwartet, dass sie erschwingliche Lebensmittel liefert, Klimaschutz betreibt, die biologische Vielfalt erhält und die Ernährungssicherheit gewährleistet und gleichzeitig auf einem globalen Markt wettbewerbsfähig bleibt.

Auf dem Papier sind die Ambitionen hoch. Der Grüne Deal der EU und die nationalen Klimapläne der Mitgliedstaaten deuten alle auf eine umfassende Transformation hin. In der Praxis sind die Fortschritte jedoch sehr langsam. Viele der gleichen Probleme bleiben Jahr für Jahr bestehen.

Dieses Paradoxon steht im Mittelpunkt eines neuen wissenschaftlichen Artikels in Nature Food, der in Zusammenarbeit von Jørgen E. Olesen von der Universität Aarhus, Bart de Steenhuijsen Piters von der Wageningen University & Research und Sophie Nicklaus vom Nationalen Forschungsinstitut für Landwirtschaft, Ernährung und Umwelt (INRAE) sowie Forschern mehrerer europäischer Universitäten und Forschungseinrichtungen entstanden ist.

"Es besteht ein breiter Konsens darüber, dass sich die Lebensmittelversorgung in Europa ändern muss. Doch die rechtlichen Rahmenbedingungen sind sehr konservativ, was bedeutet, dass der Wandel viel zu langsam vonstatten geht. Dieses Spannungsfeld haben wir in dieser Studie zu verstehen versucht", sagt Sophie Nicklaus.

Warum ist es so schwierig, die Art und Weise, wie wir unsere Lebensmittel erhalten, zu ändern?

Die Forscher, die den Artikel verfasst haben, verwenden das Konzept der "Lock-ins", um zu erklären, warum Veränderungen immer wieder auf Hindernisse stoßen. Lock-ins" sind sich selbst verstärkende Mechanismen, die Europa an bestimmte Arten der Produktion, der Regulierung und des Konsums von Lebensmitteln binden, selbst wenn es starke Argumente für einen Kurswechsel gibt.

Die Herausforderung besteht nicht in einem Mangel an Wissen oder Bereitschaft einzelner Akteure. Im Gegenteil, viele Landwirte, Unternehmen, Verbraucher und politische Entscheidungsträger wollen einen Wandel. Aber sie agieren innerhalb eines Rahmens, in dem Anreize, Vorschriften, Marktstrukturen und Gewohnheiten in unterschiedliche Richtungen wirken und die derzeitigen Systeme aufrechterhalten.

Fünf Wege, wie Europa sich selbst einschließt

Das Forschungsteam identifiziert fünf zentrale Hemmnisse, die zusammen die Umgestaltung des Lebensmittelsystems in der EU verlangsamen.

1. Fragmentierte Politik und mangelnde Koordinierung: Ein grundlegendes Problem besteht darin, dass der europäische Lebensmittelsektor nur bruchstückhaft geregelt ist. Die EU hat zwar eine Gemeinsame Agrarpolitik, aber Ernährung, Gesundheit, Umwelt, Handel und Verbrauch werden oft in getrennten politischen Silos behandelt.

Das hat zur Folge, dass politische Maßnahmen gegeneinander arbeiten können. Ein Subventionsprogramm kann eine hohe Produktion fördern, während die Gesundheitsbehörden gleichzeitig empfehlen, den Konsum bestimmter Lebensmittel zu reduzieren. Klima- und Umweltziele können mit kurzfristigen wirtschaftlichen Prioritäten kollidieren.

"Wenn man nur die Landwirtschaft betrachtet und nicht die gesamte Nahrungskette vom Boden bis zum Teller, verliert man die Kohärenz. Das ist eine grundlegende strukturelle Herausforderung", erklärt Bart de Steenhuijsen Piters.

2. Verhaltensweisen und Ernährungsgewohnheiten, die sich nur schwer ändern lassen: In weiten Teilen Europas ist die Ernährung durch einen hohen Verbrauch an tierischen und ungesunden Lebensmitteln gekennzeichnet. Dies hat Folgen für das Klima, die Umwelt und die öffentliche Gesundheit.

Selbst wenn die Verbraucher sich gesünder und nachhaltiger ernähren wollen, ist es schwierig, ihre Gewohnheiten zu ändern. Preis, Kultur, Verfügbarkeit, Marketing und soziale Normen spielen dabei eine wichtige Rolle.

3. Marktstrukturen und Machtverhältnisse: Das Lebensmittelsystem ist weitgehend auf Effizienz, Großproduktion und niedrige Preise ausgerichtet. Dies hat Lebensmittel erschwinglich und zugänglich gemacht, aber es hat den Sektor auch in bestehende Bahnen gelenkt.

"Wenn kurzfristige Effizienz belohnt wird, wird es schwierig, in Lösungen zu investieren, die sich erst langfristig auszahlen, wie Bodengesundheit, biologische Vielfalt, Klimastabilität und menschliche Gesundheit", sagt Jørgen E. Olesen.

4. Umweltkosten ohne Preisschild: Treibhausgasemissionen, der Verlust an biologischer Vielfalt und die Verschlechterung der Boden- und Wasserqualität betreffen die Gesellschaft als Ganzes, schlagen sich aber nur selten in den Lebensmittelpreisen nieder. Dies erschwert es nachhaltigen Alternativen, sich im Wettbewerb zu behaupten.

5. Krisen und Unvorhersehbarkeit als neue Normalität: Klimawandel, geopolitische Instabilität und Schocks auf dem Weltmarkt machen die Lebensmittelversorgung in Europa anfälliger. Dennoch ist das System nach wie vor eher auf Effizienz als auf Robustheit optimiert.

In der Mitte der Komplexität steht eine neue europäische Forschungskooperation

Um diese Verflechtungen zu verstehen, bedarf es mehr als nur einer Disziplin. Aus diesem Grund wurde der Nature Food-Artikel im Rahmen einer neuen europäischen Forschungsallianz entwickelt, an der unter anderem Forscher der Universität Aarhus, der Wageningen University & Research in den Niederlanden und des französischen Nationalen Forschungsinstituts für Landwirtschaft, Ernährung und Umwelt (INRAE) beteiligt sind.

Hier arbeiten Naturwissenschaften, Sozialwissenschaften und Ernährungsforschung an einer gemeinsamen Frage: Warum geht die Umstellung der Lebensmittelversorgung in Europa so langsam voran, und was kann tatsächlich etwas bewirken?

Für den Artikel haben 34 Forscher aus Dänemark, Frankreich und den Niederlanden systematische Experteneinschätzungen zu Hindernissen und Möglichkeiten in der gesamten Lebensmittelkette, vom Boden über die Produktion bis hin zum Verbrauch und zur Regulierung, beigetragen.

"Das Besondere ist, dass wir nicht nach einer einzigen technischen Lösung suchen. Stattdessen bieten wir Empfehlungen in Form von Grundsätzen an, die von vielen verschiedenen Akteuren genutzt werden können, da die Probleme miteinander verbunden sind", sagt Sophie Nicklaus.

Fünf Grundsätze, um Europa voranzubringen

Die Forscher beschränken sich nicht darauf, die Probleme so zu beschreiben, wie sie sie heute sehen. Als etwas Neues gehen sie auch einen Schritt weiter und schlagen Lösungen in Form von fünf Grundsätzen vor, an denen sich politische Entscheidungsträger, Unternehmen und die Zivilgesellschaft orientieren können, damit die notwendige Umgestaltung des europäischen Lebensmittelsystems nicht ins Stocken gerät:

  1. Priorität für den Zugang zu gesunden, nachhaltigen und erschwinglichen Lebensmitteln
  2. Einbeziehung aller Akteure in die Transformationsprozesse, auch derjenigen, die Gefahr laufen, zu den Verlierern zu gehören
  3. Schaffung rechenschaftspflichtiger und transparenter Prozesse und Entscheidungsfindungen
  4. Nutzung der Vielfalt der europäischen Agrar- und Ernährungssysteme als Stärke
  5. Mentalitätswechsel hin zu einer Konzentration auf die Priorisierung von Gemeingütern

Von der Analyse zum Handeln

Der Artikel verweist auch auf Beispiele, in denen die Grundsätze bereits in die Praxis umgesetzt werden: Dazu gehören das Grüne Dreierabkommen in Dänemark und verschiedene Partnerschaften zur Förderung gesünderer Ernährung und lokaler Lebensmittelinitiativen in ganz Europa.

"Hier geht es nicht nur um neue Technologien. Es geht um Führung, Prioritäten und den Mut, mit dem Gesamtbild zu arbeiten", sagt Jørgen E. Olesen.

Zu den nächsten Schritten gehören koordinierte Forschungsanstrengungen, um zu zeigen, dass die konsequente Anwendung dieser Grundsätze der Schlüssel zur notwendigen Umgestaltung der EU-Agrar- und Ernährungssysteme ist.

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